Trennungsangst gehört zu den frühesten und häufigsten Ängsten des Kindesalters. Kleine Kinder fangen an zu weinen, wenn sie von einer Bezugsperson getrennt werden. Ihre Reaktion ist durchaus funktional, denn sie sichert ihnen das Überleben. Im Verlauf der Kindheit und Jugend lernen die meisten Menschen jedoch, mit Trennungen umzugehen, so dass sich die anfängliche Trennungsangst weitgehend verliert. Sie werden erwachsen und sind im Überleben nicht mehr abhängig von den Eltern.

Ist dieser Reifungsprozess gestört, so persistiert Trennungsangst über die Kindheit hinaus bis in das Erwachsenenalter. Lange ist dieses Syndrom in der Medizin relativ unerkannt geblieben, bis es 2013 im DSM V (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) als eigenständige Diagnose anerkannt worden ist.

Das Hauptsymptom der Störung besteht in einer übermäßigen Angst, von wichtigen Personen getrennt oder verlassen zu werden. Während diese wichtigen Personen im Kindesalter in der Regel die Eltern sind, bezieht sich die Trennungsangst im Erwachsenenalter auf Partner, Familienmitglieder und Freunde. Diese Angst kann zudem Eifersucht auf den Partner hervorrufen, die sich in irrationalen Verdächtigungen, Klammern und übertriebenem Kontrollverhalten ausdrückt. Auch die Unfähigkeit, sich als Erwachsener von seinen Eltern zu trennen und ein eigenes Leben zu beginnen oder das Älterwerden und Sterben der Eltern zu akzeptieren, kann als Ausdruck der Erkrankung angesehen werden. Häufige Folge der Angst ist, dass betroffene Menschen unfähig sind, sich aus belastenden Bindungen zu trennen und so häufig in Partnerschaften bleiben, die ihnen schaden.

Die Angst wird nicht selten zu einer Belastung für Freundschaften und Beziehungen: Freunde fühlen sich überfordert, Partner von zu viel Nähe eingeengt und erdrückt, so dass Menschen mit Trennungsangst nicht selten in Folge verlassen werden, was die Angst im Sinne eines Teufelskreises erneut verstärkt.

Häufig wird diese Problematik mit körperlichen Symptomen wie Bauch- oder Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen begleitet.

Der Wunsch nach Bindung und Sicherheit stellt ein existenzielles und evolutionär betrachtet überlebenswichtiges Grundbedürfnis des Menschen dar. Sind diese Grundbedürfnisse in der frühen Kindheit verletzt worden, so ist es häufig schwer möglich, inneres Vertrauen und Sicherheit in der Bindung mit sich und in Folge mit Anderen zu entwickeln.

Die Symptome der Trennungsangst werden so zu einem Kommunikationsmuster mit v.a. nahen Bezugspersonen, welches darauf ausgerichtet ist, existenzielle Grundbedürfnisse und Wünsche zu befriedigen, um so vermeintlich ein Gefühl von Sicherheit und Kontrolle im Leben herzustellen.

In einer Therapie ist es hilfreich, die „wichtige“ Funktion hinter einem „Problemverhalten“ zu erkennen. Gleichzeitig kann ein Prozess des Nachreifens angestoßen werden: innere Anteile, wie das Gefühl von Sicherheit und Vertrauen, können gestärkt, befördert und verankert werden, die Abhängigkeit zu nahen Bezugspersonen tritt zunehmend in den Hintergrund. Die Sicherung der existentiellen Grundbedürfnisse kann immer mehr aus sich selbst und nicht mehr allein aus der Bindung zu Anderen gefühlt werden. Die Funktion der Trennungsangst wird zunehmend überflüssig und muss nicht mehr als Überlebensstrategie fungieren.